Ein Multitool wird meistens über eine Zahl verkauft: 12-in-1, 15-in-1, 21-in-1. Was hinter diesen Zahlen steckt, erfährt kaum jemand. Genau das holen wir hier nach.
Jede der 15 Funktionen eines typischen Multitools bekommt einen eigenen Abschnitt: was das Werkzeug ist, wofür du es brauchst, und in welcher Situation es draussen wirklich den Unterschied macht. Danach weisst du, ob ein Multitool für dich Sinn ergibt – und welche Funktionen du tatsächlich nutzen wirst.
Inhalt: die 15 Funktionen im Überblick
- 1. Spitzzange
- 2. Standardzange
- 3. Drahtschneider
- 4. Leuchtelement
- 5. Schere
- 6. Hängeöse
- 7. Clip
- 8. Dreiseitige Feile
- 9. Schlitzschraubendreher SL5.5
- 10. Hebelstange
- 11. Messer
- 12. Schlitzschraubendreher SL4
- 13. Flaschenöffner
- 14. Kreuzschraubendreher PH2
- 15. Lineal
1. Spitzzange
Die Spitzzange – auch Nadelzange genannt – ist das meistgenutzte Werkzeug an jedem Multitool. Ihre schmal zulaufenden Backen kommen dorthin, wo Finger keine Chance haben: in Gehäusespalten, zwischen Zeltgestänge, unter eine verklemmte Schnalle.
Draussen brauchst du sie ständig, ohne dass du es vorher planst. Ein Hering steckt im gefrorenen Boden fest und lässt sich nicht mehr ziehen. Ein Reissverschluss hat sich verzogen. Ein Splitter sitzt zu tief für die Finger. Ein Angelhaken muss aus dem Fischmaul. Beim Kochen am Feuer packt sie einen heissen Topfrand, ohne dass du dir die Hand verbrennst.
Wichtig ist die Griffkraft: Weil die Backen lang und schmal sind, hebelt eine Spitzzange schwächer als eine kurze Kombizange. Für feine Arbeiten ist sie unschlagbar, für hartes Zupacken nimmst du die Standardzange.
2. Standardzange
Die Standardzange sitzt direkt hinter der Spitze und hat die geriffelten, breiten Backen. Hier liegt die eigentliche Kraft des Werkzeugs.
Sie ist für alles zuständig, was fest sitzt: eine verrostete Mutter lösen, einen Bolzen halten, während du die Schraube drehst, ein verbogenes Blech geradebiegen, einen Nagel aus einem Brett ziehen. Weil der Griff dank der Hebelwirkung der ausgeklappten Schalen lang ist, bringst du mehr Kraft auf als mit einer reinen Taschenzange.
Ein Praxistipp: Bei verchromten oder lackierten Teilen legst du ein Stück Stoff zwischen Backe und Werkstück. Die Riffelung greift zwar hervorragend, hinterlässt aber Spuren.
3. Drahtschneider
Der Drahtschneider liegt als Schneidkante im Gelenk der Zange, direkt an der Drehachse. Diese Position ist kein Zufall: Je näher am Drehpunkt, desto grösser die Kraft.
Damit trennst du Draht, Kabel, Kabelbinder, Sicherungsdraht und dünne Federstahlteile. Beim Zaunbau, bei Elektroarbeiten oder beim Improvisieren einer Reparatur ist das die Funktion, die dich vor dem Gang zum Werkzeugkasten bewahrt.
Was du vermeiden solltest: gehärteten Stahl, Klaviersaiten oder Nägel. Die Schneide ist auf normalen Kupfer- und Eisendraht ausgelegt. Härteres Material hinterlässt Scharten, und die bekommst du nicht mehr weg.
4. Leuchtelement
Das Leuchtelement ist ein transparenter Einsatz an einem der Werkzeuge. Es dient der Sichtbarkeit im Dunkeln.
Klingt nach Spielerei, ist aber praktisch. Wer schon einmal nachts im Zelt nach dem Multitool getastet hat, weiss, wie schnell ein dunkles Werkzeug im dunklen Rucksack verschwindet. Ein heller Einsatz macht das Auffinden deutlich einfacher.
Verlass dich aber nicht darauf als Lichtquelle. Für echte Beleuchtung gehört eine Stirnlampe oder eine Taschenlampe ins Gepäck – das Leuchtelement ist eine Orientierungshilfe, keine Lampe.
5. Schere
Die Schere ist das Werkzeug, das die meisten unterschätzen und dann am häufigsten brauchen. Sie schneidet sauber, wo ein Messer reisst oder ausrutscht.
Typische Einsätze: Verbandsmaterial zuschneiden, Angelschnur trennen, eine Kordel kürzen, Klebeband abschneiden, einen losen Faden an der Jacke entfernen, eine Verpackung öffnen. Beim Erste-Hilfe-Einsatz ist sie sogar die sicherere Wahl, weil du damit näher an der Haut arbeiten kannst als mit einer Klinge.
Bessere Multitools setzen auf eine gebogene Klinge mit Wellenschliff. Die gebogene Form zieht das Material in den Schnitt statt es wegzuschieben, der Wellenschliff verhindert das Abrutschen bei glattem Material wie Nylon oder Gurtband.
6. Hängeöse
Die Hängeöse ist der Metallring am Ende des Werkzeugs. Eine Funktion ohne bewegliche Teile – und trotzdem eine, die über den Alltagsnutzen entscheidet.
Denn ein Multitool nützt nur dann etwas, wenn du es dabei hast. In der Schublade liegt es meistens ungenutzt. Über die Öse hängst du es an einen Karabiner, eine Gürtelschlaufe, eine MOLLE-Schlaufe am Rucksack oder an den Schlüsselbund. Damit ist es immer griffbereit.
Für alle, die auf dem Wasser oder im Schnee unterwegs sind, hat die Öse noch einen zweiten Zweck: Ein daran befestigtes Band verhindert, dass das Werkzeug beim Abrutschen im See oder im Tiefschnee verschwindet.
7. Clip
Der Clip – oft als Rückenclip an der Aussenseite montiert – klemmt das Multitool an Hosenbund, Hosentasche, Rucksackriemen oder Gürtel.
Der Unterschied zur Hängeöse: Mit dem Clip ziehst du das Werkzeug in einer Bewegung heraus, ohne einen Karabiner öffnen zu müssen. Für alle, die das Tool mehrmals täglich brauchen – Handwerker, Monteure, Förster – ist das der schnellste Zugriff überhaupt.
Ein Rückenclip hat gegenüber einem Gürtelholster zudem den Vorteil, dass er nicht aufträgt. Das Werkzeug liegt flach an, statt seitlich abzustehen.
8. Dreiseitige Feile
Eine Feile am Multitool wirkt zunächst überflüssig. Bis zu dem Moment, wo ein Grat an einem abgeschnittenen Draht die Finger aufreisst oder eine Schraube nicht mehr ins Gewinde will.
Die dreiseitige Ausführung ist dabei deutlich vielseitiger als eine flache Feile mit zwei Seiten. Typischerweise findest du eine grobe Fläche für schnellen Materialabtrag, eine feine für die Nacharbeit und eine dritte Fläche oder Kante für Rundungen und Nuten – dorthin, wo eine Flachfeile nicht hinkommt.
Praktische Einsätze: Grate an geschnittenem Metall entfernen, einen Schlüssel nachbearbeiten, eine Axtschneide im Feld nachschärfen, eine verklemmte Holzkante glätten, Rost von einem Scharnier abtragen.
9. Schlitzschraubendreher SL5.5
SL steht für Schlitz, die Zahl für die Klingenbreite in Millimetern. SL5.5 ist also ein Schlitzschraubendreher mit 5,5 Millimeter breiter Klinge – die grössere der beiden Schlitzgrössen an einem typischen Multitool.
Das ist die Grösse für gröbere Schrauben: Möbelbeschläge, Gehäuseschrauben, Klemmen an einer Autobatterie, Schellen an einem Wasserschlauch, Scharniere an einer Tür.
Ein wichtiger Punkt zur Grösse: Ein zu schmaler Schraubendreher in einem breiten Schlitz rutscht ab und rundet den Schraubenkopf aus. Genau deshalb bringen bessere Multitools zwei Schlitzgrössen mit statt nur einer.
10. Hebelstange
Die Hebelstange – auch Pry Bar oder Brechwerkzeug – ist ein flaches, abgeflachtes Blatt zum Aufhebeln und Abkratzen.
Sie ist die Funktion, die dein Messer rettet. Denn viele Leute nehmen für Hebelarbeiten die Klinge – und brechen sie ab. Eine Klinge ist auf Schneiden ausgelegt, nicht auf Biegekräfte. Die Hebelstange ist dafür dick genug gebaut.
Typische Einsätze: einen Farbdeckel aufhebeln, eine festsitzende Abdeckung lösen, eine Palette aufbrechen, alte Farbe oder Dichtungsreste abkratzen, einen Deckel von einer Blechdose heben.
11. Messer
Die Klinge ist neben der Zange das Herzstück. Sie erledigt alles, was geschnitten, geschabt oder gespitzt werden muss.
Draussen heisst das: Seil und Schnur kürzen, Rinde abziehen, Anzündspäne schnitzen, Lebensmittel zubereiten, Kartons öffnen, ein Stück Gurtband trennen. Beim Bushcraft ist die Klinge das Werkzeug, mit dem du aus Rohmaterial etwas Brauchbares machst.
Auf die Klinge kommt es dabei an: Sie sollte aus rostfreiem Edelstahl bestehen, damit Feuchtigkeit ihr nichts anhaben kann, und sich sauber nachschärfen lassen. Wichtig für die Schweiz: Ein Multitool mit manuell zu öffnender Klinge ohne Federunterstützung gilt als Werkzeug und ist frei erhältlich.
12. Schlitzschraubendreher SL4
SL4 ist der kleinere Schlitzschraubendreher mit 4 Millimeter Klingenbreite. Er deckt ab, was für den SL5.5 zu fein ist.
Das sind vor allem Kleinteile: Klemmschrauben an einer Lampe, Schrauben an einer Fahrradbremse, Batteriefachdeckel, Anschlussklemmen, Beschläge an Brillen oder Uhren, Schellen an Modellbauteilen.
Nebenbei ist ein schmaler Schlitzschraubendreher das meistmissbrauchte Werkzeug überhaupt – als Stemmeisen, Farbrührer oder Dosenöffner. Dafür ist er nicht gedacht, und genau deshalb gibt es an einem guten Multitool eine separate Hebelstange.
13. Flaschenöffner
Der Flaschenöffner ist die Funktion, über die man lacht, bis man am Lagerfeuer sitzt und niemand einen dabei hat.
Er öffnet Kronkorken, ohne dass du die Klinge oder den Schraubendreher zweckentfremden musst – was beiden nicht guttut. Manche Ausführungen haben zusätzlich eine Kante, mit der sich Konservendosen aufreissen lassen.
Für Camping, Grillabende und jede Hütte ist das eine der Funktionen, die real am häufigsten zum Einsatz kommt. Auch wenn sie in keinem Survival-Ratgeber vorkommt.
14. Kreuzschraubendreher PH2
PH steht für Phillips, die gängigste Kreuzschlitz-Norm. PH2 ist davon die mittlere Grösse – und mit Abstand die verbreitetste im Alltag.
Nahezu jede Holzschraube, jeder Möbelbeschlag, jede Gehäuseschraube an einem Haushaltsgerät und die meisten Schrauben im Baumarkt-Sortiment sind PH2. Wenn ein Multitool nur einen einzigen Kreuzschraubendreher mitbringt, dann diesen.
Beim Arbeiten gilt: gerade ansetzen und Druck nach unten geben. Ein Kreuzschlitz ist so konstruiert, dass die Klinge bei zu hohem Drehmoment absichtlich herausrutscht. Das schützt die Schraube, rundet aber den Kopf aus, wenn du schräg arbeitest.
15. Lineal
Das Lineal ist eine Skala, die entlang einer der Griffschalen oder eines Werkzeugs eingeprägt ist. Je nach Modell in Zentimetern, Zoll oder beidem.
Es ersetzt keinen Meterstab, aber es beantwortet die Fragen, die draussen tatsächlich aufkommen: Wie dick ist dieser Ast? Passt diese Schraube? Wie lang ist der gefangene Fisch – und liegt er über dem Schonmass? Wie breit muss das Stück Gurtband sein?
Wer keine Skala dabei hat, schätzt. Und Schätzungen sind beim Zuschneiden von Material der häufigste Grund für Ausschuss.
Wie viele Funktionen braucht ein Multitool wirklich?
Mehr Funktionen sind nicht automatisch besser. Jedes zusätzliche Werkzeug bringt Gewicht, Dicke und einen weiteren Punkt, an dem etwas klemmen kann.
Entscheidend ist, welche Funktionen du wirklich benutzt. In der Praxis sind das bei den meisten Leuten fünf: Zange, Messer, Schere, Kreuzschraubendreher und Drahtschneider. Alles darüber hinaus ist willkommener Bonus, aber kein Kaufgrund.
Achte deshalb weniger auf die Zahl auf der Verpackung und mehr auf drei Dinge: Wie gut greift die Zange? Lässt sich die Klinge sauber nachschärfen? Und trägst du das Tool bei diesem Gewicht tatsächlich jeden Tag mit dir herum?
Ein Multitool unter 100 Gramm, das immer in der Hosentasche steckt, ist im Ernstfall mehr wert als ein 250-Gramm-Modell, das zu Hause in der Schublade liegt.
Dropz